Aktueller Bericht über Bernhard nw-news.de

  • \"Die Bühne war nicht meine Welt\"


    Bernd Gössling (44), ehemaliges Mitglied von Alphaville, ist heute Musikproduzent in Berlin

    Enger/Berlin. \"Was mir vor 20 Jahren passiert ist, war sicherlich prägend für mein Leben. Aber mein Leben heute hat mit dem nichts mehr zu tun, hat sich weiter entwickelt.\" Bernd Gössling steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität. Dabei flog der heute 44-Jährige Mitte der 80-er Jahre ganz hoch in den Charts. Denn Bernd Gössling, mit Künstlernamen Bernhard Lloyd, war Mitglied der Synthie-Pop-Formation Alphaville.


    Und die hatte mit \"Big in Japan\", \"Sounds like a Melody\" oder \"Forever Young\" Welthits. Melodien, die ins Ohr gingen und den Jungen aus der ostwestfälischen Provinz – in der Anfangsformation standen neben Gössling noch Marian Gold (gebürtig aus Herford) und Frank Mertens (auch in Enger zur Welt gekommen) – von heute auf morgen an den Pophimmel katapultierten.


    Der Alltag des gebürtigen Pödinghauseners Bernd Gössling bewegt sich heute zwischen seinem Musikstudio, einer Firma, die Musik-Produktions-Systeme und -Programme verkauft und seinen Kindern Aljoscha (12), David (11) und Morten (3). Alles weit weg vom Leben eines Popstars. Und doch ist es nicht das \"normale Leben\" eines berufstätigen Familienvaters mit fester Arbeitszeit und kontrolliertem Tagesablauf. Aber ist er angekommen auf seinem musikalischen Weg, fühlt sich wohl in seiner Haut, in seinem Umfeld und mit dem, was er tut.


    \"15.000 Leute johlten, wenn ich auf der Bühne nur die Hand hob\"


    Die Pop-Bühnen – das war nicht sein Ding, sagt der Familienvater. \"Für mich war es befremdlich, wenn ich eine Bühne betrat und 15.000 Leute johlten, wenn ich nur die Hand hob.\" Ins Produzieren von Musik dagegen sei er rein gewachsen: \"Das ist meine Welt\", sagt er über seine digitale Audio-Workstation daheim im Keller, die er demnächst noch ausbauen möchte. Dort entstehen sein eigenes Musikprojekt mit dem Titel \"Atlantic Popes\" oder Auftragsproduktionen für unterschiedliche Pop-Musiker. Zudem ist er einige Tage in der Woche als Berater unterwegs für eine Firma, die solche Produktionssyteme verkauft, oder schult deren Kunden.


    Seit 1992 lebt der Pödinghausener in einem Eineinhalb-Familien-Haus am östlichen Stadtrand von Berlin, ein Gebäude aus den 30-er Jahren auf einem 1.500 Quadratmeter großen Grundstück. Mit Ehefrau, die übrigens aus Bielefeld stammt und mit der er seit fünf Jahren zusammen ist, Kindern und Hunden. \"Eine wohltuende Anonymität\", so beschreibt er die Umgebung. \"Ich brauche keine Eigentumswohnung am Ku‘damm\", sagt er. Die gehört längst der Vergangenheit an.


    Stattdessen eine ähnliche Umgebung mit viel Grün, wie er sie in der Kindheit erlebt hat. \"Man kehrt wohl irgendwann zu den Wurzeln zurück, zu Lebensbedingungen, wie man sie als Kind erlebt hat\", sinniert der 44-Jährige. Ob seine Nachbarn oder Freunde über die musikalische Vorgeschichte des Produzenten Bescheid wissen? Gössling weiß es nicht. Ist ihm auch irgendwie nicht wichtig. Aus Bernhard ist längst wieder Bernd geworden.


    Sein Tag beginnt spät, dauert dafür aber häufig lange: \"Ich bin eben ein Nachtmensch\", lacht Gössling, der gern mal bis nachts um drei im Studio sitzt, dafür aber kaum vor elf Uhr morgens aus den Federn kommt. Zuhause fühlt sich Gössling in Berlin, seine Mutter lebt aber nach wie vor in Pödinghausen, besucht ihn aber jedes Jahr dort. Wenn der Arminia-Fan Freunde aus Zeiten des Forums in Enger trifft, dreht sich die Zeit zurück: \"Wir verstehen uns wunderbar.\"


    Den Erfolg aus den 80-er Jahren realisieren – das konnte er erst viele Jahre später. \"1999 habe ich die Goldenen Schallplatten aus dem Keller geholt und aufgehängt. Es war wunderbar, was Alphaville passiert ist. Wir haben aber auch Riesenglück gehabt. Eine Perle wie ,Forever Young‘ schreibt man nur einmal im Leben.\" Doch müsse man von einem gewissen Größenwahn beseelt sein, um langfristig Erfolg zu haben. \"Mit ,Big in Japan‘ sind wir zudem ganz oben gestartet. Höher gings nicht mehr.\" 1.000 Stück von der Single hätten sie gehofft zu verkaufen – weltweit wurden es 1,52 Millionen. Statt zum Zivildienst in Bielefeld trat der gelernte Maschinenschlosser die Musikreise um die Welt an.


    Noch genau erinnert er sich an den ersten Fernsehauftritt von Alphaville: \"Im Februar 1984 in der ZDF Jugendreihe ,Flashlights‘ für neue deutsche Bands.\" Extrem cool hätten sie aussehen wollen, lacht er kopfschüttelnd. \"Deshalb schauten wir mit bösen Gesichtern in die Kameras. Extrem naiv. Doch der Song war gut, keine Frage.\" Und wegen des strategisch günstigen Sendetermins waren die drei Jungs und ihr \"Big in Japan\" anschließend in Deutschland bekannt wie ein bunter Hund. \"Acht Wochen später waren wir die Nummer eins. Und dann gab es kein Halten mehr.\" Genießen können – das hätten sie ihren Erfolg aber nicht. \"Wir haben wie die Idioten Musik gemacht, 16 Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Um diesen Erfolg zu rechtfertigen.\"


    Seit zwei Jahren offiziell kein Mitglied von Alphaville mehr


    Dass sie sich dafür in ein Hinterhof-Studio in Kreuzberg, ihren \"Elfenbeinturm\", verkrochen hatten, ist laut Gössling mit Grund dafür, dass sie nicht abgehoben haben. \"Hätten wir wie so viele andere auf die Pauke gehauen, wären wir auch abgestürzt.\" Stattdessen: Nüchtern bleiben, Studio kaufen, guten Berater suchen. Heute sieht Gössling die Zeit und den Erfolg von damals als Geschenk an. Aber auch als abgeschlossene Phase seines Lebens: Seit zwei Jahren ist er offiziell nicht mehr Mitglied von Alphaville, hat seinen Anteil dem Kollegen Marian Gold verkauft, der weiterhin Musik machend unterwegs ist.


    VON SIMONE FLÖRKE


    Quelle: NW Enger/Spenge


    Fotomontage: THOMAS LÖHRIG
    Bernd Gössling heute (großes Foto) und unter dem Künstlernamen Bernhard Lloyd als Mitglied von Alphaville zusammen mit Marian Gold (alias Hartwig Schierbaum) und Frank Mertens (mit richtigem Namen Frank Sorgatz,von links).

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